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Nina Thiel

Freiheit auf Zeit


 

 


 

 

Der Wind bläst durch die hohen Gräser auf den Hügeln. Es ist kalt. Die Hausnummer 1 der Benyastraße ist mit Kabelbindern an Baustellengittern neben der Straße befestigt. Dahinter befindet sich die alternative Wohngemeinschaft Flugrost. Situiert ist sie auf einer leerstehenden Grünfläche zwischen dem Friedhof Südwest, einer Kleingartensiedlung und entlang der Gleise der Schnellbahn. Die Linien eins bis vier rauschen im regelmäßigen Takt vorbei. Blumen, Lichterketten, Gemüsebeete und selbstgemachte Sitzgelegenheiten schmücken Bauwagons, Trucks und Anhänger. Sechs Bewohner_innen zählt der Wagenplatz aktuell. In Wien gibt es drei solcher Siedlungen, in denen sich Menschen zusammengefunden haben, um eine selbstbestimmte Form des Wohnens auszuleben. Wie lange diese Niederlassungen an einem Ort bestehen, ist oft unklar. In der Benyastraße 1 steht der Umzug jedenfalls kurz bevor. Die Stadt Wien lässt das Grundstück zugunsten eines Kreisverkehrs räumen.

 

 

Klo mit Aussicht.

 

Miley trägt Sonnenbrille, darunter zeichnen sich Lachfalten ab. Er wohnt seit vielen Jahren auf Wagenplätzen. Bereits 2014 schloss er sich mit seinem ausgebauten Bauwagon einer Gemeinschaft aus etwa zwölf Idealist_innen an, die den klingenden Namen «Gänseblümchen» trug. Nachdem der Wagenplatz in der Seestadt dem neuen Erholungsgebiet weichen musste, zog es ihn und einen Teil der Gruppe nach Meidling in die Benyastraße. Hier, auf einem Grundstück der Stadt Wien haben Miley und fünf Mitbewohner_innen eine neue Wohnsiedlung gegründet. Der Wagenplatz Flugrost ist mit einem Baustellengitter eingezäunt. Die Wägen stehen weit dahinter. Es ist nicht einfach, einen Einblick in den Alltag der Gruppe zu bekommen. Sie bleiben meist unter sich, Auskünfte gibt fast ausschließlich Miley, als Sprecher. Ihr Alter liegt über 25 Jahren, sie tragen Arbeitshosen oder Skinny Jeans, die Pullover und Jacken in Schichten übereinander. Von zwei Bewohnern lugen Dreadlocks unter den Kapuzen heraus. Auch wenn der Lebensstil nicht den üblichen Konventionen entspricht, ist der Alltag doch geregelt. Wichtiger ist ihnen nur die Selbstverwirklichung.

 

 

«Wenn ich alle meine Wände schwarz streichen will, könnte ich das hier machen. In einer Mietwohnung wäre das nicht so einfach möglich.» Miley, Bewohner

 

 

Die eigengestaltete Siedlung funktioniert autark: Wasser transportieren die Mitglieder der Wohngemeinschaft mit Kanistern vom naheliegenden Brunnen in den eigenen Tank. Ihre buntbemalten Wägen heizen sie mit Holzöfen. Strom produziert die Gruppe selbst mit Solarpanelen, welche auf den Dächern der Wägen installiert sind und genügend Energie für den täglichen Bedarf liefern. Werden Maschinen für Renovierungs- oder Bauarbeiten benötigt, wirft Miley den Dieselmotor an. Die Toilette befindet sich auf einem vierbeinigen Turm, der einem Hochsitz ähnelt. Nach dem Aufstieg über die Leiter verrichtet man hier Geschäfte mit Aussicht. Der Tank unter der auffälligen Konstruktion wird regelmäßig von der Stadt Wien entleert.

 

Selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft steht am Wagenplatz Flugrost im Vordergrund. Miley erklärt das so: «Wenn ich alle meine Wände schwarz streichen will, könnte ich das hier machen. In einer Mietwohnung wäre das nicht so einfach möglich.»

 

 

Straßenbau statt Selbstverwirklichung.

 

Die ersten Wagenplätze in Wien sollen vor rund zwölf Jahren gebildet worden sein. Die Motivation, so erzählt Miley, soll nicht Geldnot, sondern der Wunsch nach einem unbeschwerten und einfachen Leben in Freiheit gewesen sein. So ist es bis heute. Einfach haben es die Kollektive nicht: Stellplätze, an denen sie sich niederlassen können, sind rar, und auch wenn sich ein passendes Grundstück zur Pacht findet, ist oft unklar, wie lange es zur Verfügung steht.

 

Die Wagengruppe blickt der bevorstehenden Räumung bereits seit mehreren Monaten entgegen. Die Stadt Wien will den Boden unter ihren Wägen als Lagerfläche für Materialien zum Straßenbau nutzen. Außerdem soll ein geplanter Kreisverkehr einen Teil des Landstücks einnehmen, auf dem die Wagengruppe zurzeit noch lebt. Schon im Oktober vergangenen Jahres verhandelte Miley, stellvertretend für den Wagenplatz, mit den zuständigen Magistraten über einen alternativen Stellplatz für die Gruppe. Erst seit Kurzem steht ein neuer Standort für die Wohngemeinschaft fest.

 

 

Auf dem Wagenplatz liegen Holzpaletten, Fahrräder und Werkzeug auf der erdigen Fläche inmitten der Siedlung. Morgen müssten Miley und die anderen offiziell den Platz räumen. Die Übersiedlung der circa zehn Wägen dauert mindestens eine Woche, schätzt die Gruppe. Die Unterkünfte müssen immerhin mit dem Traktor in den zweiten Bezirk, nahe dem Hafen Freudenau, transportiert werden. Dort soll der Wagenplatz ein neues Zuhause finden. Die Landschaft um die Freudenauer Hafenstraße ist von Baukränen, Cargoschiffen, Containern und Hallen- und Lagerplätzen gezeichnet. Auch wenn die Zukunft einen Blick aufs Wasser bringt, bietet der Grund am rechten Donauufer nicht die Idylle, welche die Gruppe in Meidling so geschätzt hat. Miley lässt den Blick über sein altes Zuhause schweifen und sagt: «Hier ist´s schon schöner.»

 

Bussi, baba, ahoi und hallo.

 

 

Den Mittelpunkt der Siedlung bildet ein blauer Wagon. Der Holzofen – gefunden am Müllplatz – benötigt seine Zeit, um den Raum zu wärmen. Dann bildet die sogenannte Wagenbar den Gemeinschaftsort der Truppe, die jetzt in das Innere übersiedelt ist. Auf einem Gaskocher pfeift die Espressokanne. Rund um den Kaffeetisch – ein verbeultes Halterverbotsschild auf drei Holzbeinen – spricht man über Organisatorisches: Welche Stellen müssen informiert werden, damit alle weiterhin ihre Post bekommen? Wann melden sie ihren neuen Hauptwohnsitz beim Amt? Die Herausforderungen des Umzugs erinnern an einen üblichen Wohnungswechsel. Mit einem entscheidenden Unterschied: Üblicherweise wird zuerst die Mietvereinbarung abgeschlossen und danach gesiedelt.

 

 

«Einen fixen Vertrag gibt’s noch nicht» Miley, bewohner

 

 

«Einen fixen Vertrag gibt’s noch nicht», Miley erzählt von den Verhandlungen mit der Stadt Wien betreffend den Grund beim Hafen. Dieser wird vom zuständigen Magistrat zur temporären Nutzung zur Verfügung gestellt. Obwohl er ungern sein Zuhause in die Freudenauer Hafenstraße verlegt, hofft Miley dort auf einen Pachtvertrag für zumindest zwei Jahre. Jetzt packt die Gruppe erst mal ohne zu wissen, wie lange sie am neuen Standort bleiben können. Trotz einer unvorhersehbaren Zukunft wollen die Bewohner_innen von Flugrost das Privileg des selbstbestimmten Lebens nicht aufgeben. Miley ist weiterhin – stellvertretend für die gesamte Wagengruppe – mit der Stadt Wien im Gespräch. Die Unsicherheit darüber, wie lange die Platzgenoss_innen ihre kreativen Behausungen am neuen Standort abstellen dürfen, scheint ihn nicht aus der Ruhe zu bringen.

 

Text & Bilder: Nina Thiel

 

 

Augustin

Erschienen in Ausgabe #479