Close
Type at least 1 character to search
Back to top

Nina Thiel

Achtung, ich komme!

Der Ball scheppert über den Hartplatz. Mit kleinen Schritten spielt Betti den Ball zwischen ihren Füßen hin und her. Besonders gut zu hören sind die Rasseln im Inneren des runden Leders nach einer Ballberührung. Die Verteidigerin trägt eine rote kurze Sporthose, rote Stutzen und ein gleichfarbiges Trikot mit einer weißen Nummer neun am Rücken. Das dicke Band einer schwarzen Schibrille hält ihre schulterlangen, braunen Haare aus dem Gesicht, während sie sich auf das Tor zubewegt. Ihre Mitspieler hören am Aussetzen des Rasselns, dass sie die Übung mit einem hohen Torschuss abschließt. An der Bande entlang tastet Betti sich zurück zu den, in einer Linie wartenden, Fußballern. Alphonse ist als Nächster dran und läuft auf die Stimme des Torwarts zu: «Zehn Meter. Acht Meter. Sechs Meter! Alphonse, Schuss!», ruft Nico aus dem Tor. Alphonse, seines Zeichens Allrounder, holt sein rechtes Bein aus und tritt mit Schwung zu. Der Ball landet im Tornetz.

 

 

Akustisches Ziel.

 

Joe Steinlechner ist Trainer des österreichischen 5-a-side-Fußballteams. Er trainiert seit zwei Jahren mit sehbehinderten Menschen am ASKÖ Platz im 20. Wiener Gemeindebezirk und spielt dabei eine auschlaggebende Rolle für die Mannschaft. Auf einem 40 mal 20 Meter großen Feld mit Banden sind vier Spieler_innen auf seine Kommandos angewiesen. Egal wie stark ihre Sehkraft beeinträchtigt ist, am Platz sind alle mit Ausnahme der Torhüterin respektive des Torhüters komplett blind – für diese Chancengleichheit sorgt Tape und eine abgedunkelte Schibrille über den Augen.

 

Auch Joe selbst hat schon unter dieser Voraussetzung gespielt: «Es macht extrem Angst, wenn man, ohne zu wissen, was vor, hinter oder neben einem ist, versucht zu laufen oder gar zu sprinten. Und dabei noch im Kopf zu behalten, wo der Gegenspieler, der Ball und das Tor sind, war für mich furchteinflößend, aber auch eine spannende Erfahrung.»
Fünf Sportbegeisterte sind heute im Training und üben unter Anweisung von Joe einen Spielzug: mit dem Ball aus der Ecke loslaufen, Pass an die Mittellinie, Annahme vom Mitspieler und ein Torschuss. Immer wieder ruft der junge Trainer die Position des Balles oder die Entfernung der Spieler_innen zur brusthohen Holzwand, die das Feld eingrenzt. Während eines Matchs gibt er hinter der Bande, gemeinsam mit einem Tor-Guide, ähnliche Kommandos. Joe erklärt das in Dritteln: «Im Angriffsdrittel markiert ein Tor-Guide hinter dem Tor der gegnerischen Mannschaft akustisch das Ziel für die Stürmer. Im eigenen Drittel hat man den Tormann, der die Verteidiger einweisen kann, und an der Mittelinie gibt der Trainer taktische Grundanweisungen und koordiniert die Spielerinnen und Spieler.» Im Mittelfeld begegnen sich die meisten Personen, und Joe übernimmt damit die verbal anspruchsvollste Aufgabe, wie er sagt.

 

Star Stürmer.

 

 

Mustafa ist 20 Jahre jung und hat schon immer Fußball gespielt. «Mit den Sehenden kann ich nicht mithalten, deshalb macht’s mehr Spaß, mit Blinden zu spielen.» Der vom Team ernannte Star-Stürmer erzählt von den Unterschieden zum üblichen Fußballspiel. Im Inneren des Spielballs befinden sich Rasselfelder, welche Klang erzeugen, solange dieser sich bewegt. So lässt er sich orten. Bevor sie versuchen, in Ballbesitz zu kommen, müssen die Fußballer_innen sich mit einem laut ausgesprochenem «Voy!» ankündigen. «Voy ist spanisch und heißt so viel wie ‹Achtung, ich komme!›», erklärt Mustafa, «wenn man das nicht ruft, ist’s ein Foul.» Er nimmt den Ball an und sprintet auf Nicos Stimme zu. Mit «zehn Meter» gibt der Tormann die Entfernung an. Nico übernimmt heute im Training als Torwart auch die Rolle des Tor-Guides: «Ein bisschen weiter rechts. Acht Meter.» Noch bevor Nico zum Schuss auffordert, tritt Mustafa den Ball bereits mit voller Wucht in die rechte obere Ecke des Netzes und lächelt zufrieden.

 

 


 

Radiobeitrag

 

 

Nina Thiel hat das Training der Mannschaft begleitet und mit den Spielerinnen und Spielern gesprochen. Einen akustischen Einblick dazu, gibt es hier zu hören.

 


 

 

 

Ziel: Paralympics. 

 

Das Team trainiert unter anderem auf Spiele der mitteleuropäischen Liga hin. Diese finden in Form von Turnieren und abwechselnd in den teilnehmenden Ländern statt. Erst vor wenigen Wochen durfte das österreichische Team sehbeeinträchtigte Sportler_innen aus Ungarn, Tschechien, Polen und anderen Ländern Europas in Wien willkommen heißen. Obwohl die Spielergebnisse für die Gastgeber nicht ganz den Hoffnungen entsprachen, ist Joe zufrieden mit der Leistung: «Für uns war das Turnier vor allem eine gute Übungsgelegenheit.» Er träumt davon, mit seiner Mannschaft bei den Paralympics anzutreten. «Bis dorthin ist es aber noch ein langer Weg. Nicht unbedingt wegen unserer spielerischen Leistung. Wir sind einfach noch zu wenige Spieler.» Die Mannschaft hat sich inzwischen zur Trinkpause zusammengefunden. Im Schatten der Bäume wird gescherzt und gelacht. Wichtiger als die sportlichen Erfolge sind dem Team die gemeinsame Zeit und der Spaß am Spiel.

 

 

Eine Klasse für sich.

 

Paulin reist aus diesem Grund fünf Stunden für jedes Training an. Er lebt in Innsbruck und verpasst selten ein Training in Wien. Der frühere Leichtathlet ist seit Beginn Teil der Mannschaft, welche bis heute die einzige in Österreich ist. Die geringe Spieler_innenanzahl in Österreich erklärt sein Mitspieler Mario so: «Es gibt zwar einige Leute mit Sehbehinderungen, allerdings dürfen nicht alle Klassen mitmachen.» Der Sportler spricht von drei Klassifizierungen: «Mit B3 hat man eine Sehfähigkeit von circa 40 bis 50 Prozent und kann noch relativ gut sehen. B2 bedeutet einen Sehrest von 20 bis 30 Prozent. Und B1 ist alles zwischen zehn und null Prozent Sehrest.» Blindenfußball ist der letzteren Klasse vorbehalten. Mario selbst besitzt aufgrund einer Netzhautablösung noch zehn Prozent Sehrest. Erst ein Rest von unter zwei Prozent gilt in Österreich als Blindheit, darüber spricht man von Sehbehinderungen. Ein weiterer Grund für das kleine Interesse am Sport sei demnach die Angst, unter der Augenbinde zu spielen und so auch keine Umrisse, Kontraste oder Farben wahrnehmen zu können, sagt Mario. 

 

Text & Bilder: Nina Thiel

 

 

 

Augustin

Erschienen in Ausgabe #484