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Nina Thiel

Das Regelwerk wird zur Philosophie



Wenn ein Nationalteam trainiert, ist das eigentlich eine große Sache, doch nicht unbedingt in Königstetten. Dort bereiten sich die besten Ultimate-Spielerinnen Österreichs auf die bevorstehende EM im westungarischen Györ vor – Zuseher_innen findet man allerdings keine. Vielleicht auch, weil der Austragungsort – ein Fußballplatz inmitten eines Wohngebietes – kaum auffindbar ist. Vor den Toren der Sportanlage hört man sie dann aber doch. Jeweils sieben Spielerinnen werfen sich in einem Trainingsspiel die weiße Scheibe zu. Lautstarke Unterstützung bekommen sie von ihrenTeamkolleginnen an der Seitenlinie des länglichen Rasenfelds. «Dieser scheiß letzte Punkt», die atemlose Stimme aus dem Spielfeld hebt sich vom akustischen Chaos ab. Die Sonne steht bei 28 Grad am wolkenlosen Himmel. «Genau wegen diesen Punkten sind wir hier!», die Trainerin beobachtet den entscheidenden Wurf in die Endzone. Punkt. Trinkpause.

Die Drehscheibe lädt ein.

Christine Stelzhammer ist ehemalige Spielerin des Nationalteams. Als Headcoach bereitet sie ihre zum Teil ehemaligen Teamkolleginnen seit drei Jahren auf die European Ultimate Championships vor. Insgesamt 27 Nationen werden von 29. Juni bis 6. Juli) in drei Divisionen (Women, Mixed, Men) vertreten sein. Das österreichische Nationalteam der Frauen trifft in der Vorrunde auf Großbritannien und Deutschland. Bereits 2016, nach der WM in London, wo der neunte Platz erreicht worden ist, begann der Aufbau des aktuellen Kaders. Und mit der «Drehscheibe». Die Drehscheibe bezeichnet einen E-Mail-Verteiler und eine Kommunikationsplattform aller österreichischen Ultimate- Frisbee-Klubs. Landesweit wurden Spielerinnen über diese digitale Scheibe zu Probetrainings eingeladen. Athletik, Fitness und Spielverständnis galten dabei als Voraussetzung.

«Die Spielerinnen begegnen sich außerhalb des Nationalteams meist als Gegnerinnen am Spielfeld. Das gegenseitige Vertrauen muss erst aufgebaut werden.»

Christine Stelzhammer, Headcoach

«Wir haben nicht die Möglichkeit, an den drei bis vier gemeinsamen Wochenenden pro Jahr an Wurftechniken zu arbeiten», der Fokus der Trainingslager liege stattdessen auf Taktik und dem Aufbau eines Teamgefühls, erklärt die Cheftrainerin: «Die Spielerinnen begegnen sich außerhalb des Nationalteams meist als Gegnerinnen am Spielfeld. Das gegenseitige Vertrauen muss erst aufgebaut werden.» Der Kader des Nationalteams besteht im Moment aus 21 Spielerinnen. Die jüngste unter ihnen ist 21. Die älteste 33 Jahre alt. Sie gehen auf die Uni oder einem Beruf nach, denn Geld lässt sich mit Frisbee in unseren Breiten (noch) nicht verdienen. Findet gerade kein Trainingslager oder internationales Turnier statt, trainieren die Frauen in ihren Klubs und spielen unter anderem bei den österreichischen Staatsmeisterschaften gegeneinander. Um Gegnerinnen zu Mitspielerinnen zu machen, beobachtet man am Trainingslager auch Übungen, die keine Scheibe involvieren.

Alles war besetzt – außer Ultimate.

Das Team steht mittlerweile wieder am Rasen. Sie schweigen. In den Händen halten sie ein Seil. Ihre Aufgabe: Ohne zu sprechen soll die Gruppe mit dem Seil das «Haus des Nikolaus» bilden. Durch Gesten werden die Rollen verteilt, mit Blickkontakt die Positionen abgemacht. Das Nationalteam versteht sich blind. Oder zumindest stumm. Nach wenigen Minuten steht nicht nur das Haus, sondern auch eine Erkenntnis: Jede Spielerin hat ihre persönlichen Stärken und Schwächen. «Diese zu finden ist extrem wichtig, um besser mit schwierigen Situationen umgehen zu können. Nur so kann man auch den anderen eine Stütze zu sein», erzählt Hemma Gritsch. Nachdem die Spielerinnen im Schatten am Rande des Platzes ausgiebig über die Übung gesprochen haben, ist es Zeit für eine Mittagspause.

Hemma schätzt die bunte Mischung aus den verschiedenen Klubs. «Wir haben tolle Spielerinnen in Österreich. Es taugt mir, mit starken Frauen zusammenzuspielen!» 2015 trainierte sie zum ersten Mal mit dem österreichischen Nationalteam. Zu Ultimate kam sie allerdings unverhofft. Während ihres Studiums war die frühere Basketballspielerin auf der Suche nach dem passenden USI-Kurs. «Alles war besetzt – außer Ultimate», sagt sie und lacht: «Gott sei Dank!» Während früher viele Spieler_innen diesen Sport durch Universitätsangebote kennen lernten, vermitteln österreichische Vereine den Teamsport heute auch an Schulen.

Ziel des Spiels ist, die von einer Mitspielerin geworfene Frisbeescheibe in der gegnerischen Endzone am Ende des Feldes zu fangen, wofür das Team (in der Regel je sieben Spieler_innen pro Team) der Fängerin einen Punkt erhält. Verschiedene Spielelemente aus dem Basketball und dem American Football sind beim Ultimate enthalten, jedoch bedeutet jeder Körperkontakt (theoretisch) ein Foul. Das angreifende (in Scheibenbesitz befindliche) Team versucht, sich Freiräume zu erlaufen; das verteidigende Team versucht, durch Decken und Blocken in Scheibenbesitz zu gelangen. Das Spiel ist dadurch sehr laufintensiv, allerdings darf sich die Spielerin mit der Scheibe nicht von der Stelle bewegen. Das Spielfeld ist ein 100 m langes und 37 m breites Rechteck, das Hauptspielfeld ist 64 m lang, mit einer Endzone an jeder Stirnseite von je 18 m Länge. Die Grundlinie trennt das Hauptspielfeld von den Endzonen. Es wird typischerweise auf Rasenplätzen gespielt.

– Quelle (dezent von der AUGUSTIN-Red. bearbeitet): wfsv.at

Ohne Schiedsrichter_in.

Ultimate Frisbee zeichnet sich durch die Abwesenheit einer Person aus: dem oder der Unparteiischen. «In vielen anderen Sportarten wird halt geschummelt», sagt Hemma scherzend, «was die Schiedsrichterin oder der Schiedsrichter nicht gesehen hat, ist ja im Grunde nicht passiert.» Die Spielerinnen des österreichischen Teams begegnen ihren Kontrahentinnen alternativ mit dem international gültigen «Spirit of the Game». Diese Art von Sportsgeist ermöglicht ein selbstreguliertes Spiel, in welchem Regelverstöße von den Spielerinnen selbst ausgerufen, besprochen und gelöst werden. Die World Flying Disc Federation (WFDF), der globale Verband des Frisbeesports, beschreibt diesen Spirit so: «Es wird davon ausgegangen, dass kein Spieler die vorher vereinbarten Regeln absichtlich verletzt. Kontrolle oder Sanktionen sind daher unnötig.» Kann eine Diskussion zwischen zwei Parteien trotzdem nicht gelöst werden, wird das Spiel von der letzten klaren Situation fortgesetzt.

«Es ist nicht nur ein Regelwerk, sondern eine Philosophie»

Marion Meyer, Nationalteamspielerin

«Es ist nicht nur ein Regelwerk, sondern eine Philosophie», sagt Marion Meyer. Sie widmet sich als Spirit Captain des Teams dem Fair Play. Voraussetzung sei die Regelkunde, erklärt sie. Nur wenn jede Person am Feld mit dem weltweit einheitlichen Regelbuch vertraut ist, kann das Spiel selbst verwaltet werden. Aus diesem Grund müssen alle Spielerinnen des österreichischen Teams einen weltweit gültigen Regeltest ablegen. Nur mit der sogenannten «Accreditation» – eine Prüfungsbestätigung – dürfen sie an internationalen Wettbewerben teilnehmen. Denn auch dort wird die Philosophie geteilt. Jedem Wettkampf folgt ein Gesprächskreis der gegnerischen Teams. In den Kategorien Regelkunde, Fouls, Fairness, Einstellung und Kommunikation geben die Teams einander Feedback.


Das österreichische Nationalteam auf Facebook

kleine Vorschau auf die EUC2019

Noch 1 Tag bis zum Start der EUC 2019. Kleine Vorschau gefällig…#EUC2019 #AustrianUltimateTeam

Gepostet von Austrian Ultimate Team am Donnerstag, 27. Juni 2019

Ein Einblick in die letzten Vorbereitungen während des Trainingslager in Königstetten.


Olympische Spiele im Sand.

Was in anderen Sportarten undenkbar scheint, funktioniert im Scheibensport sogar auf höchstem Niveau. Als Teil der World Games wurde Ultimate Frisbee auch 2017 in Wrocław, Polen, ohne Schiedsrichter_ innen ausgetragen. Eine Aufnahme in die Olympischen Spielen sei laut der WFDF geplant, doch im Februar dieses Jahres kam seitens des Olympischen Komitees die Absage für Paris 2024. Die ganzen Hoffnungen liegen nun auf 2028, auf Los Angeles, auf die Vereinigten Staaten – die Wiege des Frisbeesports. «Es gibt das Interesse am Sport», sagt Headcoach Christine, «doch wie die Wettbewerbsbedingungen aussehen sollen, ist noch unklar». Fünf gegen fünf in Mixed Teams – Frauen und Männer spielen dabei gemeinsam – auf Sand sei wahrscheinlich, erklärt Christine. Offizielle Bestätigungen gibt es noch nicht. «Mal schauen, wie sich das entwickelt.»

Nach einem gemeinsam zubereiteten Mittagessen schlendert das Team in kleinen Gruppen zurück aufs Feld. Die Sonne steht weiterhin hoch, die Augen der Spielerinnen sind zusammengekniffen. Dann bilden sich zwei gegenüberstehende Linien. In der sogenannten Wurfgasse wird die Scheibe paarweise hin und her gepasst. Es folgt ein systematisches Durcheinander an fliegenden Scheiben. Mittlerweile hat das Team sogar einen Zuschauer. Ein kleiner Junge beobachtet die schwebenden Frisbees, außerhalb des Zauns, der den Sportplatz umschließt. Sein Mund steht offen.

Scheibensport am Fußballplatz.

Neben Öffentlichkeitsarbeit, Jugend- und Schulprojekten und Trainer_innenausbildungen arbeitet der österreichische Frisbee-Sport-Verband (ÖFSV) auch an langfristigen Trainingsstätten. Noch sind die Spielerinnen auf selten genutzte Fußballplätze wie diesen hier in Königstetten bei Tullnangewiesen. Einen eigenen Platz gibt es nicht. Genauso wie Geld. Zumindest sind die Fördergelder bei weitem nicht genug, um alle Kosten des Men-, Mixed und Womenteams zu decken. Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Sportler_innen gibt es keine. Um an internationalen Veranstaltungen teilnehmen zu können, tragen die Spieler_innen einen Großteil der Kosten für Anfahrt, Verpflegung und Unterkunft selbst. Während des zweitägigen Trainingslagers übernachtet das Team in einer privaten Unterkunft. Dort wird auch gekocht. Auf internationalen Turnieren wird das Zelt eingepackt und meist auf, vom Veranstalter zur Verfügung gestellten, Flächen gecampt.

«Man bekommt einfach irrsinnig viel zurück, was finanziell nicht aufzuwiegen ist.»

Katharina Meissl, Nationalteamspielerin

Trotz der Kosten, der Zeit und dem Kraftaufwand scheint die Motivation der Spielerinnen enorm. «Man bekommt einfach irrsinnig viel zurück, was finanziell nicht aufzuwiegen ist. Einerseits ist es natürlich, Teil einer Community zu sein, andererseits aber auch der sportliche Erfolg», wie ihre Mitspielerinnen investiert auch Captain Katharina Meissl viel in den Sport und die Vorbereitung. Konkrete Platzierungswünsche für die bevorstehenden europäischen Meisterschaften gibt es keine. Ziel ist es, die Trainingsschwerpunkte im Turnier anzuwenden. Eine letzte Übungsgelegenheit bietet ein Vorbereitungsturnier in Amsterdam in den kommenden Tagen.

Mehr als nur eine Scheibe.

Während viele Menschen in ihrem Umfeld diesen Aufwand sehen und beeindruckt von ihrem sportlichen Erfolg sind, begegnet Katharina auch Vorurteilen. «Von manchen wird der Sport belächelt, die finden Frisbee süß.» Die beste Taktik gegen Skeptiker sei, sie in ein Training zu holen. «Wenn ihnen dann am nächsten Tag alles weh tut, ändern sie ihre Meinung.» Sie lacht. Vorurteile gegenüber dem Sport beachtet sie kaum. Die Nationalteamspielerin widmet sich lieber dem Training. Das Team hat sich mittlerweile im Schatten gesammelt. Coach Eva Chuchma teilt leere Papierbögen aus. Mit Filzstiften schreiben sich die Frauen gegenseitig ermutigende Worte auf ihre Rücken. Die bunten Zettel flattern im Wind. Klebestreifen halten die Komplimente an den grauen und weißen Trikots der Spielerinnen.

Sich gegenseitig den Rücken stärken ist die letzte Aufgabe des Trainingslagers. Die Spielerinnen nehmen sich die voll beschriebenen Papiere vom Rücken und lesen. «Immer positiv», «Magische Würfe», «Motiviert immer!» Die Worte sollen
Kraft und Selbstvertrauen für die bevorstehenden Herausforderungen bringen. Ein Lächeln breitet sich in der Runde aus, und die Strapazen der letzten Tage scheinen vergessen. Zumindest für einen Moment. Dann wird gepackt, und das Team verabschiedet sich. Die Spielerinnen machen sich auf den Weg zurück in den Alltag fernab der Scheibe.

Text & Bilder: Nina Thiel

Augustin

Erschienen in Ausgabe #485